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VOLLANZEIGE #1642
Lirsch, Eva: Misanthropie im österreichischen Vormärz. Zur Pathogenese eines literarischen Motivs. Diplomarbeit, 2009. * *http://textfeld.ac.at/text/1642/

Universität Wien | Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät | Institut für Germanistik
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ABSTRACT
In dieser Arbeit wurde anhand ausgewählter literarischer Werke der Frage nachgegangen, wie sich die vormärzlichen Bedingungen des restaurativen Österreich auf das Schreiben der Beamtendichter auswirken. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Franz Grillparzers Erzählung "Der arme Spielmann", die m.E. mit ihrer komplexen Schilderung der Entwicklung eines Zerissenen ein Schlüsselwerk misanthropischer Pathogenese darstellt, sowie Stifters Erzählung Der Nachsommer, die, angesiedelt in der Zeit des Vormärz, versucht, durch Ausschluss aller externen Störfaktoren eine Idylle zu verwirklichen, in der sich der angesichts des repressiven Zustände des österreichischen Vormärz empfundene Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung in Wohlgefallen auflöst. Die österreichischen Beamtendichter krankten an dem als drückend empfundenen inneren Konflikt zwischen selbstbestimmter produktiver schriftstellerischer Tätigkeit und der rein reproduzierenden Tätigkeit im Amt, ihre misanthropische Unzufriedenheit fand ihren literarischen Niederschlag in den untersuchten Werken: Genauso wie ihre Autoren leiden die Protagonisten ihrer Stücke und Erzählungen an Misanthropie. Der Misanthrop wird dabei vom Choleriker im Rappelkopf`schen Sinne zum scheinbar braven Untertanen, dessen Aggressionen aber im Untergrund schwelen und sich entweder in destruktiver Selbstbehinderung äußern, wie sie prototypisch in der Figur des Jakob in Grillparzers Armen Spielmann angelegt ist, oder in der Anwendung der in der Jugend verinnerlichten autoritären Strukturen zur Durchsetzung eigener Machtansprüche (Freiherr von Risach in Stifters Nachsommer). In den literarischen Systemen spiegelt sich das politische System der franziszäischen Ära wieder: a. auf Figurenebene b. auf inhaltlicher Ebene c. auf struktureller Ebene a. auf Figurenebene: Die Autoren lassen Autoritätsfiguren als Repräsentanten des Systems auftreten: In Adalbert StiftersNachsommer sind es zunächst die Eltern Mathildes, die für Freiherrn von Risach die bestehende Ordnung verkörpern und ihm gegenüber die bestehenden gesellschaftlichen Konventionen durchsetzen, indem sie die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen ihm und Mathilde als Verstoß gegen die bestehenden Normen sanktionieren. Später tritt er selbst in seiner Funktion als Beamter als Träger dieser Ordnung auf und setzt die hierarchisch-autoritären Strukturen, die er als rechtens anerkennt, auch in der Gemeinschaft im Rosenhaus um. Dort führt er ein striktes Reglement ein, in dem er nicht nur jedem der Hausgenossen, sondern auch der Natur- und Pflanzenwelt den ihrer Wesenheit gemäßen Platz zuweist, der ihnen seiner Meinung nach zukommt. In Franz Grillparzers "Armen Spielmann" tritt der Vater, ein einflussreicher Beamter, als Verkörperung des absolutistischen Systems auf, der die repressiven Machtstrukturen in selbstherrlicher Machtfülle auf die Familie überträgt. Als Kontrollmechanismen bedient er sich dabei, parallel zum franziszäischen System, der Zensur, Bespitzelung und Beschränkung der freien Meinungsäußerung. Zuletzt lässt Grillparzer, der das Ende der absolutistischen Herrschaft voraussah, den Vater selbst am öffentlichen Widerstand scheitern, mit dem Machtverlust im Rat geht zugleich der Verlust der Stimme einher, er stirbt wenig später. Die reaktionäre Ordnung, deren Träger Vater und Brüder waren, wirkt aber in der Person des Privatsekretärs des Vaters und in der Untertanenmentalität Jakobs weiter. Den Machtmenschen par excellence zeichnet Eduard von Bauernfeld in seinem Lustspiel "Großjährig". Nicht von ungefähr erinnert Herr Blase, in seinem unermüdlichen Bemühen, neue Ideen zu unterbinden, an Staatskanzler Metternich. Seine Patentlösung hiefür ist das Knüpfen von Allianzen, die große Welt spiegelt sich auchhier im Kleinen, wenn Herr Blase dem rebellischen jungen Beamten Hermann eine Ehefrau vermittelt, in der begründeten Hoffnung, ihn dadurch von liberalen Ideen abzulenken. Um die misanthropische Unzufriedenheit der Protagonisten darzustellen, werden Elemente der eigenen Autorenbiographie auf die Biographie der Handlungsträger übertragen: in Grillparzers Fall sind es vor allem die Szenen repressiver Erziehung, die in die Erzählung übernommen werden, allen voran die bekannte Prüfungsszene, sogar das Scheitern am Wort "cachinnum" ist autobiographisches Detail. Bei Stifter werden Eckpunkte des eigenen Lebenslaufs in der Figur Risachs nachvollzogen: die Arbeit als Hauslehrer, der nicht aus persönlichem Interesse, sondern ökonomischen Gründen erfolgte Eintritt ins Amt, die Unlust in der Amtsführung, die aus der Unmöglichkeit selbstbestimmten Handelns resultiert, auch der frühe Ruhestand, der angestrebt wird, um sich endlich ganz dem vernachlässigten künstlerischen Schaffen zu widmen. Das Programm, das Risach im Nachsommer umsetzt, ist das utopische Wunschziel Stifters. Ebenso wie bei Stifter manifestiert sich schließlich bei Bauernfeld die genaue Kenntnis behördlichen Wirkens der Restaurationszeit, wenn er Herrn Blase die amtliche Devise formulieren lässt: "Abwarten [...] abwarten - das ist das Hauptgeheimniß einer guten Administration." Er gibt in seinem Lustspiel Großjährig in der Person Hermanns Einblick in die eigene Tätigkeit als "Aktenwurm", dem die Einsicht in den tieferen Sinn seiner Tätigkeit verwehrt bleibt und arbeitet in subtiler Überzeichnung die Besonderheit zeitgenössischen Amtsverständnisses heraus. b. auf inhaltlicher Ebene: Die Beamtendichter lassen ihre Protagonisten in der Literatur Kompensationsstrategien entwickeln. Bei Stifter spiegelt sich die Auseinandersetzung mit dem restaurativen System auf inhaltlicher Ebene im Versuch wieder, in Ausgliederung aller ihm destruktiv erscheinenden sozial-politischen Aspekte eine nachsommerliche Idylle zu konstruieren, die sich dann freilich bei näherer Betrachtung als gar nicht so ideal erweist. Freiherr von Risach reagiert im Nachsommer auf den inneren Konflikt mit Unterwerfung unter die herrschende Ordnung und versucht, ganz im Sinne der Seelendiäthetik Feuchterslebens die inneren Unzufriedenheit durch Selbstbeschränkung, Kontrolle des eigenen Willens und Mäßigung zu kompensieren. Er passt sich den Anforderungen äußerlich so gut an, dass er als perfekter Träger der herrschenden Ordnung fungiert, und verlagert damit als "guter Beamter" die Problematik von der Öffentlichkeit in sein Privatleben. Später versucht er, sich mit dem Rosenhaus eine Gegenwelt zu erschaffen, in der ihm möglich wird, worauf er als Beamter verzichten musste, ein selbstbestimmtes Leben, in dem er seinen persönlichen Glücksanspruch verwirklichen kann. Allerdings überträgt er die ihm eingeprägten autoritären Machtstrukturen auf die Rosenhaus-Idylle und setzt nun seinerseits seinen Machtanspruch in strikte Regeln um, an die sich die Hausbewohner zu halten haben. Damit gelingt es ihm nicht, den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit im Sinne einer neuen Ordnung aufzulösen, die Ordnung Risachs erweist sich vielmehr als Rekapitulation des restaurativen Systems im vormärzlichen Österreich. Im Armen Spielmann flüchtet sich Jakob vor den Ansprüchen seines bestimmenden Vaters in die Musik, die für ihn zum Ausdruck einer höheren, göttlichen Ordnung wird. Anders als Risach gelingt es ihm nicht, den Erwartungen der Autoritätsperson zu entsprechen. Während sich die zwei Brüder perfekt in die Forderungen des Vaters fügen, mündet das scheinbar eifrige Bemühen Jakobs aufgrund seiner zwiespältigen Haltung zum Vater immer wieder in einen Akt der Selbstsabotage. Jakob ist ein Passiv-Aggressiver, der seine Aggression nach innen lenkt. Er ist aufgrund seiner Autoritätsbiographie ein politisch und sozial Unmündiger. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung wird ins Unbewusste verdrängt und von dem Wunsch, die Anerkennung des Vaters zu erlangen, überlagert. Ungefragt übernimmt er die Prinzipien des Vaters, Disziplin, Fleiß und Ordnung und wird so zum typischen Vertreter vormärzlicher Untertanenmentalität, wie sie auch Eduard von Bauernfeld in seiner Darstellung des Beamtendichters Hermann schildert. Dieser ist mit der Selbstbestimmung ebenso überfordert und unterwirft sich nach kurzer Rebellion gerne dem Heiratsplan, den sein Vormund Herr Blase für ihn entworfen hat. Franz Grillparzer bedient sich einer gezielten Verschleierungsstrategie durch Verlegung der Erzählung ins Private: Der innere Konflikt des Armen Spielmanns erscheint, eingebettet in die Künstlerproblematik, vordergründig als tragisches Einzelschicksal. Doch in der kleinen Welt der Familie spiegelt sich die große der Restaurationszeit: Die Repressalien des "Systems Metternich" finden ihre Widerspiegelung im restriktiven Kontrollsystem des Vaters. c. auf struktureller Ebene: Grillparzer bedient sich der Metapher, um im Sprachbild auf den größeren, sozialpolitischen Zusammenhang im Werk hinzuweisen. Im "Armen Spielmann" sind es die Revolutionsmetaphern, die auf die konkrete politische Situation der Julirevolution und den Beginn der Französischen Revolution Bezug nehmen. Bei Stifter hingegen entspricht der Versuch der Installation einer idealen Gegenwelt der Ästhetisierung auf der Textstrukturebene. Er verfolgt in seinem Nachsommer ein "Stilisationsprinzip [...], das Häßliches eliminiert und Gewöhnliches durch die Technik der außergewöhnlichen Beschreibung in Schönes zu transfigurieren trachtet."383 Das Streben nach einer objektivierten, absoluten Ordnung zeigt sich auf der Textstrukturebene in der Bevorzugung von Parataxen, die Sachverhalte ohne Über- oder Unterordnung nebeneinander stellen, in der Abkehr von Metaphern als einer vom Lesersubjekt abhängigen Form sinnstiftender Strukturelemente, der Verwendung spezifischer, "analytischer" Adjektive sowie der Reduzierung der Subjektive und Verben auf die einfachstmögliche Form, frei von subjektiven "Schnörkeln". Schreiben ist der Versuch literarischer Wirklichkeitsbewältigung. Dies trifft auch auf die hier untersuchten Werke österreichischer Beamtendichter zu. Die Tatsache, dass sämtliche Autoren der hier untersuchten Werke ihre Protagonisten an ihrer literarischen Wirklichkeit scheitern lassen, ist das traurige Eingeständnis, dass jeder Versuch autonomer Selbstbestimmung unter den beschränkenden Bedingungen des vormärzlichen Systems letztlich zum Scheitern verurteilt war.
LITERATUR
Feuchtersleben, Ernst von | Raimund, Ferdinand | Stifter, Adalbert | Freud, Sigmund | Grillparzer, Franz | Bauernfeld, Eduard von

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BEGUTACHTERIN
Johann Sonnleitner

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